Was 11.000 Kölner Jungfrauen mit einem Kap in Argentinien zu tun haben

Veröffentlicht am 20. Oktober 2020

Auch so ein Buch, das nur noch selten aufgeschlagen wird, ist der Heiligenkalender. Dabei findet man darin viele denkwürdige Geschichten. Zum 21. Oktober etwa die Legende von der Königstochter Ursula und ihren 11.000 Gefährtinnen, allesamt Jungfrauen, die auf der Heimreise von einem Papstbesuch per Schiff den Rhein hinabfuhren. Das soll um das Jahr 451 herum geschehen sein, zu der Zeit, als die Hunnen Europa in Angst und Schrecken versetzten. Bei Köln trieben Ursula und ihre Begleiterinnen den Hunnen geradewegs in die Arme. Die heidnischen Krieger machten die frommen Jungfrauen zu Märtyrerinnen, und weil Ursula dem Hunnenkönig einen Korb gab, tötete dieser sie eigenhändig.

Das Martyrium der Heiligen Ursula. Darstellung des 15. Jahrhunderts.
Bild: Joachim Schäfer, Ökumenisches Heiligenlexikon

Über den mutmaßlichen Gräbern der Märtyrerinnen entstand im Mittelalter eine Kirche, St. Ursula zu Köln, und ihr Kult verbreitete sich über ganz Europa. Auch die christlichen Seefahrer, die am Ende des Mittelalters von Spanien und Portugal zu neuen Ufern aufbrachen, verehrten die Heiligen Jungfrauen, vielleicht weil auch diese, als sie das Martyrium ereilte, per Schiff unterwegs gewesen waren. So benannte Columbus nach ihnen eine Inselgruppe in der Karibik, die er auf seiner zweiten Fahrt 1493 besuchte: die heutigen Jungferninseln. Und als Ferdinand Magellan auf seiner Suche nach einem Seeweg in den Pazifik am 21. Oktober 1520 an der Küste Amerikas bei 52° 20′ südlicher Breite eine Landspitze sichtete, eine sandige Klippe am Rand der südamerikanischen Steppe, nannte er sie „Kap der Elftausend Jungfrauen“. Heute liegt das Kap in der argentinischen Provinz Santa Cruz, unweit der Grenze zu Chile, und heißt etwas knapper „Cabo Vírgenes“, also Jungfernkap.

Leuchtturm auf dem Cabo Vírgenes, Argentinien.
Bild: Julio Viard – Colección privada, CC BY-SA 4.0

Als der fromme Katholik Magellan jenes Kap nach den legendären Elftausend Jungfrauen taufte, stiftete er, ohne es zu ahnen, einen neuen Gedenktag. Wenige Kilometer weiter südlich öffnet sich nämlich eine Bucht, und diese Bucht entpuppte sich als Einfahrt in die Meerenge, die zu suchen Magellan ein Jahr zuvor von Spanien ausgezogen war: die Wasserstraße, von der er hoffte, dass sie den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean verband und so einen westlichen Seeweg von Europa nach Asien eröffnete. Zwar benötigten Magellan und seine Gefährten mehr als fünf Wochen, um den westlichen Ausgang der gut 600 Kilometer langen Meerenge zu finden, denn wie man auf modernen Karten sieht, gleicht sie mehr einem Labyrinth aus Kanälen und Inseln als einer Straße. Aber der Tag, an dem die Seefahrer das Jungfernkap sichteten, ist in die Geschichte eingegangen als jener Tag, an dem die Meerenge, die heutige Magellanstraße, entdeckt wurde. Er liegt in diesem Jahr genau 500 Jahre zurück.

Der Weltreisende Antonio Pigafetta, der diesen historischen Moment miterlebt hat, schildert ihn in seinem Reisebericht wie folgt:

Kurz darauf, bei 52 Grad zum südlichen Pol, fanden wir durch ein riesengroßes Wunder am Tag der Elftausend Jungfrauen eine Meerenge, deren Landspitze wir Kap der Elftausend Jungfrauen nannten. Diese Meerenge ist hundertzehn Leugen lang, was 440 Meilen entspricht, und mehr oder weniger eine halbe Leuge breit. Sie führt in ein anderes Meer, Mar Pacifico genannt, und ist von sehr hohen, mit Schnee bedeckten Bergen umgeben. Wir konnten nirgends ihren Grund ausloten.

Wenn der Generalkapitän nicht gewesen wäre, hätten wir diese Meerenge nicht gefunden, denn wir alle meinten, dass sie ringsum geschlossen wäre. […] Der Kapitän schickte zwei Schiffe aus, Sancto Antonio und la Conceptione (so wurden sie genannt), um zu sehen, was sich am Ende der Bucht befand. Wir blieben mit den anderen beiden Schiffen – das Flaggschiff hieß Trinidade, das andere la Victoria – innerhalb der Bucht, um auf sie zu warten. In der Nacht überfiel uns ein starkes Unwetter, das bis zum anderen Mittag dauerte und uns zwang, den Anker zu lichten, sodass wir kreuz und quer durch die Bucht trieben.

Zeichnung der „Magellanstraße“ in Pigafettas Reisebericht. Süden ist oben.
Bild: Biblioteca Nacional de Chile

Die beiden ausgesandten Schiffe hatten starken Gegenwind. Sie wollten zu uns zurückkehren, waren jedoch nicht imstande, eine Landspitze fast am Ende der Bucht zu umrunden, und sahen sich schon genötigt, auf Grund zu laufen. Doch als sie sich dem Ende der Bucht näherten und bereits verloren wähnten, erblickten sie eine kleine Mündung, die keine Mündung zu sein schien, sondern eine Ecke. Wie Männer, die alle Hoffnung fahren gelassen haben, jagten sie hinein, sodass sie aus schierer Not heraus die Meerenge entdeckten.

Und als sie sahen, dass es keine Ecke war, sondern eine Meerenge im Land, fuhren sie voran und fanden eine Bucht. Danach fuhren sie noch weiter und fanden eine weitere Meerenge und eine weitere Brucht, beide größer als die vorherigen. Zutiefst beglückt wollten sie sogleich umkehren, um es dem Generalkapitän zu berichten.
Wir dachten derweil, sie seien zugrunde gegangen, zum einen wegen des heftigen Unwetters, zum anderen weil zwei Tage vergangen und sie nicht aufgetaucht waren. Auch wegen gewisser Rauchwolken, die zwei Abgesandte von ihnen an Land auftsteigen ließen, um uns zu benachrichtigen. Und wie wir so angespannt waren, sahen wir zwei Schiffe mit vollen Segeln und wehenden Fahnen auf uns zukommen. Als sie ganz nahe waren, feuerten sie plötzlich mehrere Bombarden ab, was wir mit Salutschüssen und Freudengeheul beantworteten. Daraufhin dankten wir Gott und der Jungfrau Maria und fuhren alle gemeinsam los, um weiterzusuchen.

Soweit der  Augenzeuge Antonio Pigafetta. Der zitierte Text ist meiner Neuübersetzung seines Reiseberichts entnommen, die kürzlich in der wbg Edition erschienen ist:

Bild: wbg

Erstmals vollständig übersetzt und kommentiert von Christian Jostmann. 2020. 272 S. mit 31 farb. Abb. und 1 Kt., 14,5 x 21,5 cm, geb. mit SU. u. Lesebändchen, wbg Edition, Darmstadt. 28 Euro (22,40 für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft).

An Bord mit Magellan

Veröffentlicht am 21. September 2020

Warum sollte man ein fast fünfhundert Jahre altes Buch, das bereits mehrfach ins Deutsche übertragen wurde, nochmals übersetzen?

Weil das Buch wichtig ist und weil es von ihm bisher keine gute deutsche Übersetzung gab.

Das Buch, das ich meine, ist Antonio Pigafettas „Bericht von der ersten Reise rund um den Globus“. Der wohlgeborene Ritter aus Vicenza hatte 1519 bis 1522 an der ersten historisch belegten Umsegelung der Erde teilgenommen. Anders als die meisten seiner Mitfahrer überlebte er die Reise, sodass er nach der Rückkehr einen Reisebericht schreiben konnte. Sein Bericht ist die detaillierteste und lebendigste Erzählung eines Augenzeugen dieser historischen Fahrt. Pigafetta schildert das entbehrungsreiche Leben an Bord, die Gefahren und Abenteuer, die er und seine Mitstreiter durchstanden, und nicht zuletzt erzählt er von seinen zahlreichen Begegnungen mit anderen Menschen.

Karte von Cebu und Mactan in Pigafettas Reisebericht.
Bild: Wikimedia Commons

Pigafetta begegnete vielen Menschen, die zuvor nie oder kaum Kontakt mit Europäern gehabt hatten: den Tupi im heutigen Brasilien, den Tehuelche Patagoniens, den Chamorros auf Guam, den Visayern auf den heutigen Philippinen, den Einwohnern Mindanaos, Borneos, der Molukken und Timors. Die Arten und Weisen, wie all diese Leute lebten, sprachen, sich kleideten und ernährten, wie sie musizierten, Krieg führten, Sex hatten und ihre Götter verehrten, waren für Pigafetta und seine europäischen Zeitgenossen unerhört neu und fremdartig. Pigafetta beobachtete aufmerksam, stellte Fragen, lernte fremde Sprachen und schrieb auf, was ihm bemerkenswert erschien. So wurde er zum Ethnologen avant la lettre, der uns eine Beschreibung der Erde und ihrer Kulturen in den ersten Tagen der Globalisierung überliefert hat. Eine Beschreibung, die uns auch helfen kann, unsere Gegenwart, die mehr denn je von derselben Globalisierung geprägt ist, besser zu verstehen.

Habent sua fata libelli: Auch Pigafettas Buch hatte ein wechselvolles Schicksal. Zunächst nur in einer gekürzten französischen Übersetzung gedruckt, dann ins Italienische rückübersetzt, wurde Pigafettas ursprünglicher Text erst um 1800 in einer Mailänder Bibliothek wiederentdeckt. Er ist in einem Dialekt verfasst, wie man ihn im 16. Jahrhundert in Vicenza sprach. Allerdings meinte der Wieder-Entdecker von Pigafettas Bericht, der Mailänder Bibliothekar Carlo Amoretti, dass man dem Publikum die eigentümliche, oft derbe Sprache des Autors nicht zumuten könne. Daher „übersetzte“ Amoretti den Bericht ins moderne Italienisch und glättete dabei so manche Passage, die er als anstößig oder unklar empfand.

Mittlerweile gibt es längst originalgetreue Ausgaben von Pigafettas Buch: in der Originalsprache, in französischer und in englischer Übersetzung, es gibt Faksimile- und kritische Editionen. Nur im Deutschen gab es bis dato nichts dergleichen. Die einzige bisher hierzulande auf dem Buchmarkt erhältliche Ausgabe bringt einen vielfach gekürzten, an anderen Stellen willkürlich erweiterten Text, ohne dass Kürzungen oder Erweiterungen kenntlich gemacht wären; die Übersetzung selbst ist mitunter freizügig bis zur Sinnentstellung. Beispiel gefällig? Folgende Passage aus Pigafettas Bericht wurde in der bisher erhältlichen Edition kommentarlos gestrichen:

Eines Tages kam ein schönes junges Mädchen auf das Flaggschiff, wo ich mich aufhielt, zu nichts anderem, als um ihr Glück zu versuchen. Wie sie so abwartend dastand, warf sie einen Blick auf die Kajüte des Meisters und sah einen Nagel länger als einen Finger, den sie mit großer Vornehmheit und Anmut an sich nahm. Sie steckte ihn zwischen die Lippen ihrer Natur und verschwand heimlich, still und leise. Das sahen der Generalkapitän und ich.

Zeichnung der Insel Timor in Pigafettas Reisebericht.
Bild: Wikimedia Commons.

Weil ich fand, dass auch Leserinnen und Leser des Deutschen dieses wichtige und obendrein sehr unterhaltsame Buch in möglichst authentischer Form lesen können sollten, habe ich es direkt aus der Originalsprache, dem Venetischen des 16. Jahrhunderts, neu übersetzt. Und damit alle den Text einordnen und verstehen können, habe ich eine historische Einleitung und einen Fußnoten-Kommentar hinzugefügt, in dem alle fremdartigen Namen und Begriffe erklärt werden. Ganz besonders freut mich, dass die Neuausgabe auch die 23 farbigen Miniaturen enthält, die Pigafetta selbst seinem Werk beigegeben hatte und die bisher in keiner deutschen Ausgabe abgedruckt wurden.

Ich danke dem Deutschen Übersetzerfonds für ein großzügiges Arbeitsstipendium und dem Verlag wbg Edition für die schöne und hochwertige Ausgabe. Dank ihr kann man nun den „echten“ Pigafetta auch auf Deutsch lesen. Viel Spaß bei der Lektüre und – buon viaggio!

Bild: wbg

Erstmals vollständig übersetzt und kommentiert von Christian Jostmann. 2020. 272 S. mit 31 farb. Abb. und 1 Kt., 14,5 x 21,5 cm, geb. mit SU. u. Lesebändchen, wbg Edition, Darmstadt. 28 Euro (22,40 für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft).

1000 Jahre Globalisierung?

aktualisiert am 31. August 2020

Kiwis aus Neuseeland, Ananas aus Costa Rica, Wein aus Chile – man muss nur in den Supermarkt gehen, um zu begreifen, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Doch wer meint, Globalisierung sei ein modernes Phänomen, irrt. Fritz Heichelheim, ein aus Nazideutschland vertriebener Althistoriker, erkannte schon bei den antiken Sumerern und Ägyptern vor 5000 Jahren Fernhandelsnetze, die sich von Nordafrika bis ins Innere Asiens erstreckten. Nicht ganz so weit in die Vergangenheit zurück geht Janet Abu-Lughods These vom spätmittelalterlichen „Weltsystem“. Während des Mongolenreiches, also zwischen 1250 und 1350 etwa, habe sich in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Europas ein komplexes Netzwerk kommerziellen und kulturellen Austauschs etabliert. Da wurde Bernstein vom Baltikum bis nach China gehandelt, Elfenbein gelangte von Südafrika auf dem Seeweg nach Indien und weiter nach Ostasien, gefärbte Baumwollstoffe wurden von Indien nach Java exportiert, Porzellan und Seide von China in den Mittleren Osten, Gewürze von den Molukken bis nach Paris und London …

Dass Globalisierung gar nichts Neues sei, ist auch die Botschaft von Valerie Hansens Buch „The Year 1000. When Explorers Connected the World – and Globalization began„. Die in Yale lehrende Historikerin und China-Expertin hat zahlreiche Indizien dafür versammelt, dass Handel und kulturelle Kontakte bereits um die erste Jahrtausendwende sprunghaft zunahmen – und zwar weltweit.

Bild: Simon and Schuster, Inc.

Ihre literarische Tour um den Globus startet Hansen mit den Atlantikfahrten der Wikinger, die bekanntlich um das Jahr 1000 Grönland und das heutige Kanada ansteuerten. Folgt man der Autorin, dann sind die blonden Männer in ihren Langbooten noch ein gutes Stück weiter gekommen, nämlich bis zur mexikanischen Halbinsel Yucatan, wo Hansen sie und ihre Schiffe auf Wandbildern der Mayas identifiziert haben will.

Weil es die Wikinger nicht nur nach Westen trieb, skizziert Hansen anschließend ihre Umtriebe in Osteuropa. Dort reüssierten Skandinavier seit dem 8. Jahrhundert als Sklaven- und Pelzhändler und wirkten wohl auch an der Gründung des ältesten russischen Reiches mit, der Kiewer Rus. Der Sklavenhandel leitet zum nächsten Kapitel ihres Buches über, das sich den Beziehungen zwischen Afrika und der islamischen Welt widmet. Vor allem Bagdad, damals eine Millionenstadt, habe einen solchen Bedarf an Sklaven entwickelt, dass die Zahl der jährlich durch die Sahara verschleppten Menschen in die Tausende ging. Der Menschenhandel zwischen Afrika und dem Mittleren Osten, schätzt Hansen, habe über die Jahrhunderte fast so viele Opfer gefordert wie der transatlantische der Frühen Neuzeit, nämlich an die 12 Millionen.

Gänzlich anders geartet, aber laut Hansen nicht minder massiv waren Migrationsbewegungen, die sich um die erste Jahrtausendwende in Zentralasien abspielten. Der breite Steppengürtel zwischen Ungarn und Nordchina bot den berittenen Kriegern nomadischer Stämme, wie den Seldschuken, ideale Bedingungen, um die angrenzenden Reiche auszurauben oder zu unterwerfen. Nicht selten nahmen die Eroberer nicht nur die irdischen Reichtümer ihrer Opfer an sich, sondern auch deren religiöse Überzeugungen. So sorgten sie für die Ausbreitung des Islam und des Buddhismus in Zentralasien – auch dies eine Form der Globalisierung.

Was in Innerasien Pferde, leisteten auf dem Indischen Ozean Dschunke und Dhau: Die beiden Schiffstypen ermöglichten den Kontakt zwischen Kulturen und Völkern, die tausende Seemeilen entfernt voneinander lebten. Auf ihnen gelangten sowohl gefragte Güter wie Edelmetalle, Seide, Porzellan und Gewürze übers Meer als auch Mönche und heilige Texte. Am dichtesten gewoben war das Handelsnetz ganz im Osten Asiens, rund um die Südchinesische See, weshalb Hansen diese Region mit dem Etikett „The Most Globalized Place on Earth“ versieht. Während in den größten Städten Europas jener Zeit gerade mal ein paar tausend Menschen hausten, reichte die Einwohnerzahl der beiden chinesischen Häfen Guangzhou und Quanzhou bereits an die Million. Hier lebten Chinesen Tür an Tür mit Arabern und Indern, und auf den Märkten war alles käuflich von afrikanischem Elfenbein-Schmuck über in Malaysia gewobene Rattan-Matten bis zu aromatischem Sandelholz aus Timor (laut Hansen allerdings kaum Sklaven).

Weltkarte des Al Idrisi aus dem Jahr 1154.
Bild: Wikimedia Commons

Für ihre Tour d’horizon durch die globalisierte Welt des Jahres 1000 ist Valerie Hansen zu danken. Sie lesend nachzuvollziehen kann unserem auf die Neuzeit fixierten Geschichtsbild und unserem Hang zum Eurozentrismus entgegenwirken. Auch wenn das in manchen Schulbüchern noch immer so steht: Die Globalisierung war keine Erfindung genialer oder – je nach Sichtweise – diabolischer Renaissance-Menschen aus Europa. Sondern ein Prozess, der lange vor 1500 in Gang war und – wie heute auch – von den verschiedensten Akteuren auf der ganzen Welt vorangetrieben wurde. Zweifellos konnten sich die europäischen Imperialisten der Frühen Neuzeit Netzwerke und Kommunikationswege zunutze machen, die sie fast überall auf der Welt vorfanden, von Tidore bis Tenochtitlán.

Dass und warum „die“ Globalisierung aber ausgerechnet um das Jahr 1000 herum begonnen haben soll, kann Hansen in meinen Augen nicht schlüssig begründen. Die meisten Handelsnetze, die sie in ihrem Buch beschreibt, waren um die erste Jahrtausendwende längst geknüpft, einige wie die beiden „Seidenstraßen“, die innerasiatische und die maritime, bestanden schon seit vielen Jahrhunderten. Auch hatten auf der Erde bereits weiträumige Expansionsprozesse stattgefunden, die bis heute nachwirken: von der Verbreitung des Buddhismus in Asien über den Indienzug Alexanders des Großen bis zur explosionsartigen Ausdehnung des Dar al-Islam ab etwa 630 – wohl einer der folgenreichsten Globalisierungsschübe überhaupt. 711 eroberten muslimische Krieger die iberische Halbinsel und 751 besiegten sie in der Schlacht am Fluss Talas, wo heute Kasachstan an Kirgistan grenzt, eine Armee der Tang-Dynastie. Ein in diesem Frühjahr erschienenes Handbuch beschreibt den Grad globaler Vernetzung, den Gesellschaften in Afrika, Asien und Europa bereits im Frühmittelalter (ca. 600-900 n. Chr.) erreicht hatten, also deutlich vor dem Jahr 1000.

Wenig überzeugend finde ich auch, die Fahrten des Wikingers Leif Eriksons nach Neufundland und Labrador (von der höchst spekulativen Präsenz der Nordmänner auf Yucatan ganz zu schweigen) sowie die Besiedlung des Pazifik durch die Polynesier ins Feld zu führen, um die These zu untermauern, die Globalisierung habe um das Jahr 1000 ihren Anfang genommen. Die Pazifik-Besiedlung erfolgte in mehreren Schüben; der letzte begann nach heutigem Wissensstand um 700 n. Chr. und endete gut 500 Jahre später mit der Besiedlung von Aotearoa (Neuseeland). Aber inwiefern stehen die Fahrten der Polynesier mit Migrationsbewegungen in Zusammenhang, die sich im selben Zeitraum anderswo auf dem Globus ereigneten? Da wir nicht wissen, warum sie in See stachen, lässt sich diese Frage allenfalls hypothetisch beantworten.

Jedenfalls waren vor der Neuzeit die meisten pazifischen Inseln einschließlich Papuas und Australiens so wenig in das Handelsnetz der „Alten Welt“ eingebunden wie der amerikanische Kontinent. Es macht eben einen Unterschied, ob eine Handvoll wagemutiger Pioniere den Weg zu fernen Gestaden fand oder ob sie auch den Rückweg meisterten, sodass dauerhafte Kontakte zustandekamen. Die Kanarischen Inseln wurden lange vor Christus von den Guanche besiedelt, doch in den tausend Jahren vor ihrer Eroberung durch Europäer im 14. Jahrhundert unterhielten jene keine Beziehungen zur Außenwelt. Desgleichen lebten die Rapa Nui der Osterinsel, die Chamorros auf Guam und die Maori auf Aotearoa bis zur Ankunft europäischer Seefahrer isoliert, und aus den Fahrten der Wikinger entstanden, anders als aus denen des Kolumbus, keine bis heute andauernden Verbindungen zwischen den Kontinenten. Die Skandinavier gaben ihre Siedlungen auf Grönland um 1400 wieder auf. Es ist daher irreführend, wenn Hansen schreibt, die von Vasco da Gama und Magellan „entdeckten“ Seerouten seien bereits tausend Jahre zuvor befahren worden. Aus Sicht der Globalisierung ist entscheidend, wann auf diesen Routen ein kontinuierlicher, langfristiger Austausch von Menschen, Waren und Ideen in Gang kam. Nach diesem Kriterium sind die Etablierung der portugiesischen Carreira da India nach 1498 und die Einrichtung der Manila-Galeone rund hundert Jahre später, die Amerika mit den Philippinen verband, nunmal Marksteine globaler Geschichte.

Kriegsschiff aus einem Militärhandbuch der Song-Dynastie (frühneuzeitl. Druck nach einer Vorlage des 11. Jhs. n. Chr.)
Bild: Wikimedia Commons

Den Begriff der „Globalisierung“ diskutiert Valerie Hansen in ihrem Buch nicht, sondern umschreibt ihn allenfalls vage:  „This is, when trade routes took shape all around the world that allowed goods, technologies, religions, and people to leave home and go somewhere new.“ Nach dieser Definition hätte die Globalisierung nicht vor tausend, sondern bereits vor 100.000 Jahren begonnen, als die ersten Exemplare der Gattung Homo sapiens ihre afrikanische Heimat verließen, neue Lebensräume erschlossen und bald auch begannen, über längere Distanzen Dinge zu tauschen, wertvolle Steine zum Beispiel, was spätestens für das Jungpaläolthikum belegt ist. Die  Unschärfe ihres Globalisierungsbegriffs schadet nach meinem Urteil Hansens Argumentation. Indem sie nicht nach der Wechselseitigkeit und Nachhaltigkeit der von ihr beschriebenen Kontakte fragt, übetreibt Hansen die schon oft beschworene historische Bedeutung der „mutation d’an mil“ (Dominique Barthélemy 1997) für die globale Geschichte. China mag um das Jahr 1000 der „Most Globalizend Place on Earth“ gewesen sein. Aber es war sicherlich nicht der Startplatz, von dem „die“ Globalisierung ihren Ausgang nahm. Von der Hochblüte der Song-Dynastie führte kein ununterbrochener historischer Pfad zu den Expansionsprozessen des 15. und 16. Jahrhunderts. An diesen nahm China, jedenfalls bis 1567, nicht aktiv teil.

Nun müssen in einer globalisierten Welt auch Bücher darum wetteifern, wahrgenommen und gekauft zu werden. Eine zugespitzte (wenn auch keineswegs ganz neue) These mag dabei helfen. Den nicht ganz uninformierten Leser freut sowas weniger. Aber trotz seiner begrifflichen Schwächen sei das Buch zur Lektüre empfohlen, zum einen wegen der Fülle des darin ausgebreiteten Materials, zum zweiten wegen der Zusammenhänge, die es herstellt, zum dritten weil es als Antidot gegen allzu bornierte Geschichtsbilder wirken kann (s.o.):

Valerie Hansen, The Year 1000. When Explorers Connected the World – and Globalization began. Simon and Schuster, New York 2020.

Update: Eine deutsche Übersetzung von Hansens Buch ist für September 2020 angekündigt.

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